MTB-Test mit der Kindernay-Nabenschaltung Kindernay by André Joffroy trail.camp
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Nabenschaltung Kindernay VII und XIV im MTB-Test

Kindernay: Konkurrenz für Shimano, Rohloff & Co MTB-Test mit der Kindernay-Nabenschaltung

Nabenschaltungen am MTB sind selten. Zu Unrecht. Wir sind mit der Kindernay VII und XIV ins Gelände. Vermisst hatten wir nichts.

Im MTB ist der Einsatz einer Kettenschaltung eigentlich Gang und Gäbe: leicht, hohe Schaltperformance und eine breite Spreizung z.B. bei den aktuellen Shimano oder Sram-Schaltgruppen sind Argumente, die schwer zu entlasten sind. Doch es gibt auch einige Nachteile: Schon ein kleiner Ausrutscher auf der rechte Seite verbiegt oft das Schaltauge mit der Folge, dass der Schaltkäfig bzw. das Schaltwerk nicht mehr präzise zur Kassette steht und die Schaltvorgänge nicht mehr oder nicht mehr exakt durchgeführt werden können. Ein anderer Aspekt ist die permanente Pflege des Antriebsstranges, das gerade bei Kettenschaltsystemen einer gehobenen Aufmerksamkeit bedarf.

Alternativ kommt die Nabenschaltung ins Spiel: sie ist zwar tendetiell etwas schwerer als ein Kettenschaltsystem, aber wesentlich robuster und weniger pflegebedürftig. Ein versehentlicher Ausrutscher auf die rechte Seite verbiegt hier nix; aufstehen und weiterfahren ist die Maxime.

Kindernay
Kindernay XIV 14-Gang Nabenschaltung mit Käfig.

Kindernay VII und XIV

Das norwegische Unternehmen Kindernay hat mit seinen beiden Nabenschaltungen Kindernay VII und XIV zwei außergewöhnliche Nabenschaltsysteme im Programm. Mit einer Gesamtübersetzung von 428% der sieben-Gang-Schaltung und 543% des 14-Gang-Schaltsystems sind die beiden Kindernay Nabenschaltungsgetriebe vielseitig einsetzbar.

Systeme im Gesamtübersetzungs-Vergleich

  • Shimano XT 1x12 Kettenschaltung: die weit verbreitete und bewährte MTB-Kettenschaltung mit der 10 – 51er Kassette erreicht eine Gesamtübersetzung von ca. 510%
  • Sram GX Eagle Kettenschaltung mit 10- 52er Kassette bietet rund 520%
  • Rohloff Speedhub Nabenschaltung: 526%
  • Shimano Alfine Inter 11 Nabenschaltung: 409%
  • Shimano Nexus 7 Nabenschaltung: 244%
  • Enviolo Trekking, stufenlose Nabenschaltung: 380%
  • Pinion C1.12 Tretlagergetriebe: 601%

Kindernay VII und XIV liegen im Vergleich zu den Marktteilnehmern im Bereich der Gesamtübersetzung, also der Übersetzung vom ersten (leichtesten Berg-) Gang bis zum schwersten (Bergab-)Gang, vorne mit dabei. Die Gangsprünge der Kindernay XIV fallen mit jeweils 14% Steigerung zwischen den einzelnen Gängen recht fein aus, sodass unterwegs auf jeder Steigung eine adäquate Klettergeschwindigkeit und Trittfrequenz gefunden werden kann. Bei der Kindernay VII sind die Gangsprünge zwischen 28% und 30% gröber, was bei 428% Gesamtübersetzung verteilt auf sieben Gänge technisch anders nicht darstellbar ist. Betrachtet man die kleinste und größte Übersetzung isoliert, erzielt man je nach Kettenblatt mit dem kleineren 20er Ritzel am Hinterrad locker eine Enfaltung von zwei Meter und weniger, was für echt steile Passage völlig ausreicht; ein sehr guter Berggang. Hinten heraus erreicht man mit einer solchen Kombi rund 7m pro Kurbelumdrehung, fürs Gelände allemal und beim Einsatz in der Stadt ebenso ausreichend.

Drehmomentaufnahme

Mit 160 Nm maximaler Drehmomentaufnahme ist die Kindernay-Nabe äußerst robust aufgestellt und sollte unterwegs die Antriebsmomente sämtlicher CE zugelassender Mittelmotoren am Hinterrad mitsamt der eigenen Tretkraft auf jeden Fall aushalten.

Kindernay
Die Kindernay Nabe mit hydraulischer Ansteuerung.

Hydraulische Ansteuerung HYSEQ

Die Kindernay Nabenschaltungen werden nicht wie die herkömlichen Systeme der Marktteilnehmer mittels Bowdenzügen geschaltet, sondern über ein Hydrauliksystem. Die Kraftübertragung vom Schalthebel zur Getriebenabe findet bei Kindernay mit Hydrauliköl statt. Das ermöglicht äußerst exaktes Schalten und die einfache Schalthebelmontage. So ist z.B. der Wechsel der Schaltlogik von Twosie (rechter und linker Schalthebel) jederzeit problemlos durch Umstecken möglich. Justage oder Syncronisation entfällt.

Kindernay
Der Kindernay Schalthebel Onesie wird auf der rechten Lenkerseite montiert.

Onesie und Twosie

Zum Schalten stehen zwei verschiedene Schalthebelsysteme zur Verfügung. Mit dem Doppelschalthebel Onesie schaltet man mit dem rechten Daumen über zwei Schalthebel die Gänge hoch und runter. In Richtung der leichteren Gänge/kleineren Übersetzungen (unterer Schalthebel) lassen sich bis zu drei Gangsprünge auf einmal schalten, zu den größeren Übersetzungen (mit dem oberen Schalthebel) führt nur ein Gang nach dem anderen.

Kindernay
Einer der beiden Kindernay Schalthebel Twosie, hier der Hebel für die linke Seite.

Kindernay Twosie beinhaltet zwei einzelne Schalthebel: jeweils rechts und links. Die Schaltlogik legt man selbst fest, ist aber, wie oben bereits erörtert, im Nu wechselbar. Twosie erlaubt an beiden Hebeln von bis zu drei Gangsprünge.

Swap Cage

Der Swap Cage ist der Nabenkäfig, in welchem die Nabe selbst mit sieben schrauben fixiert wird. Am Kindernay Swap Cage widerum ist die Felge eingespeicht. Dies erlaubt den schnellen Wechsel des Getriebes ohne Aus- und wieder Einspeichen.

Praxistest: Kindernay im Gelände

Die ersten Meter in Richtung Jurasteig verursachten sogleich Schnappatmung. Das lag aber weder am Rad, noch an der Schaltung, die Anfahrt zur Waldschule ist schlichtweg steil. Um die anspruchsvolle Steigung und ihren wechselnden Steigungswinkeln mit kraftschonender flüssiger Trittfrequenz zu erklimmen, fand sich stets schnell der passende Gang. Schon auf den ersten Metern zeigt die Kindernay-Nabe, wie exakt sie auf die Schaltbefehle reagiert. Die Hydraulik ermöglicht schnelles Schalten ohne leichtes Vorspannen, wie man es teilweise von bowdenzuggebundenen Schaltsystemen gewohnt ist. Beim anschließenden Auf und Ab des Oberpfälzer Jura konnte die Kindernay zeigen was sie kann und wurde ordentlich durch häufiges Schalten beansprucht. Wie bei allen Nabenschaltungen mit Planetengetriebe ist beim Schaltvorgang ein kurze Tret-Unterbrechung nötig, damit das Planetengetriebe schalten kann. Lässt man trotzdem kraft auf dem Pedal beim schalten, kann das Getriebe technisch bedingt nicht reagieren. Die Tretunterbrechung ist sicherlich für Kettenschaltroutinierte eine kleine Umstellung; jedoch kann auch eine Kettenschaltung bei übermäßigem Zug auf der Ketten den beim Schaltvorgang gewünschten Wechsel von einem Ritzel aufs nächste nicht durchführen. Die für die Nabenschaltung nötige Sensibilität beim Schalten ist für versierte Kettenschalter-Biker eine kleine Umstellung, deren bewußte Wahrnehmung sich bei unserer Testfahrt nach ein paar Kilometern mit einsetzender Routine allerdings rasch verflüchtigte.

Zuerst testeten wir die Performance der Kindernay Twosie Schaltgarnitur: ein Hebel sitzt rechts und einer links mit der Folge, dass rechts in den schwereren Gang und links in den leichteren Gang geschaltet wird. Das Spannende an der Kindernay Twosie Schaltgarnitur: Man kann die Schaltlogik umdrehen und nach belieben justieren. Da findet sich dann z.B. ein Linkshänder unter Umständen leichter zurecht.

Der Schaltvorgang selbst mit der beideitigen Kindernay Twosie Schaltgarnitur ist ungewohnt. Schalthebel herkömmlicher Schaltsysteme schalten sich überwiegend mit dem rechten Schalthebel, da heißt es beim Twosie umdenken und beide Daumen einsetzen. Die eigenwillige Schaltlogik verlangt mit zu denken, Routine stellte sich nach einigen Kilometern dann aber auch ein. Für Rennradversierte sicherlich einfacher zu handhaben, da ja am Straßenrenner in der Regel bereits zwei Schalthebel bedient werden müssen.

Beim Kindernay Onesie Schalthebel bleibt alles beim Alten: mit dem oberen kurzen Hebel wird’s schwerer, mit dem unteren langen leichter. Mit gewohnter Routine ließ sich das Hardtail-Testrad flott durch den Jurasteig pilotieren. Gerade die gezwungene Tretunterbrechung zeigte beim Schalten im winkeligen und mitunter verblockten Trail ihre ungeahnten Vorteile: man schaltet im Rollen, z.B. in der Kurve, Anlieger o.ä. und beim Beschleunigen "sitzt" der gewünschte Gang. so verfliegen bald die Gedanken ob des außergewöhnlichen Schaltsystems und es bleibt der Spaß am Biken.

Die Kindernay XIV konnte bergauf und bergab überzeugen. Die breitgefächerte Entfaltung bietet die passende Übersetzung für jede Topographie. Mit den Test-Mountainbikes (keine E-Bikes) fuhren wir eine abwechslungsreiche Tour ohne dass es für die Übersetzung zu steil wurde oder die Schaltperformance stockte. Bei der Kindernay VII sind die Gangsprünge größer mit der Konsequenz, dass man weniger schaltet und auf anspruchsvollem Terrain eher mal den leichteren Gang stehen lässt. Beide Schaltnaben beeindruckten unterwegs mit präziser Schaltperformance, wie man es nur von elektronischen Schaltungen her kennt.

Für Trekking, City, Cargo, Gravel oder MTB; mit und ohne E-Unterstützung

Kindernay by André Joffroy trail.camp
Die robuste Kindernay ist auch fürs Gravelbike eine Alternative.

Der Einsatzbereich der Kindernay-Naben ist breit gefächert und reicht vom Trekkingbike, City, Gravel oder MTB; mit und ohne E-Unterstützung.

Kindernay by André Joffroy trail.camp
Fürs Cargobike bietet Kindernay eine spezielle Variante an.

Für Cargobikes bietet Kindernay zusätzlich eine spezielle Heavy Duty Variante mit extra robustem Swap-Käfig an.

Was jetzt an der Kindernay-Nabe so besonders sei, wollen wir von Deutschland-Importeur André Joffroy wissen: "Die Kindernay VII fährt sich meiner Meinung nach wie eine Singlespeednabe, aber mit sechs zusätzlichen Gängen, was ich überaus schätze. Sie ist aktuell die meines Wissen nach effizienteste Nabenschaltung."

Preise

Der Preis fürs komplette Schaltsysteme Kindernay VII liegt bei 1399 Euro. Da auf den Nabenkörper eine herkömmliche Sechsloch-Bremsscheibe montiert werden kann, ist keine Bremsscheibe im Lieferumfang enthalten. Der UVP der Kindernay XiV liegt bei 1729 Euro beim Komplettset mit einer speziellen Siebenloch-Bremsscheibe. Dazu kommen Montagekosten, die je nach Rad und Händler variieren.

Näheres unter trail.camp

Fazit

Die Schaltpräzision der Kindernay-Nabenschaltung ist beeindruckend ebenso wie die Möglichkeit der individuellen Anpassung der Schaltlogik. Hier kann jeder eine nach seinem Geschmack komfortable Schaltsystemik finden. Derartige Möglichkeiten bietet eine herkömmliche mechanische Schaltung in der Regel nicht. Die etwas längere Schaltzeit der Nabenschaltung im Vergleich zur Kettenschaltung ist unseres Erachtens nach unerheblich; bewegen wir uns hier im Freizeit- respektive Alltagsbereich und nicht im Wettkampfmodus. Das zeigte auch unser Test: Die Eingewöhnungszeit ist relativ kurz. Bei der Robustheit ist die Kindernay-Nabenschaltung einer herkömmlichen Kettenschaltung deutlich überlegen: Sei es beim sehr geringen Pflegeaufwand oder beim unvorhergesehenen Umfallen. Mit der Kindernay fährt man dann einfach weiter. Ob sieben oder 14 Gänge, hängt von den Fahrroutinen ab. Sportlich Orientierte mit tendenziell flüssiger Trittkadenz dürften mit den 14 Gängen der Kindernay XIV gut zurecht kommen. Wer nicht aus der Sportecke kommt und sein Rad in erster Linie als Alltagsgegenstand nutzt, dem empfehlen wir die Kindernay VII, die mit weniger Schaltvorgängen einfach zu fahren ist.

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