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Verbotene Liebe: Autohersteller und Fahrräder

Autohersteller und Fahrräder Verbotene Liebe

Autos und Fahrräder, das passt nicht zusammen! Oder doch? Die Autohersteller verbindet jedenfalls seit jeher eine verbotene Liebe zu Fahrrädern: Schon immer bauen sie Fahrräder, neuerdings steigen sie in Fahrrad-Unternehmen ein, und Daimler-Mitarbeiter können jetzt ein Jobrad haben. Noch Fragen? Wir haben die ganze Geschichte.

Es hat schon eine gewisse Ironie: Während wir Fahrradfahrer für manchen Autofahrer das Feindbild Nr.1 abgeben, lieben die Autohersteller das Fahrrad, und zwar schon immer. Man denke nur an die altehrwürdigen Opel-Fahrräder aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, oder natürlich an die bildschönen Rennräder von Peugeot, die bis in die 1990er-Jahre nicht vom Straßenbild wegzudenken waren. Blickt man auf die letzten zehn bis 15 Jahre zurück, wird klar: Die verbotene Liebe der Automarken zum Fahrrad ist zuletzt noch größer geworden. Schon lange bevor E-Bikes, urbane Mobilität und Corona dem Fahrrad einen massiven Auftrieb beschert haben, gab es immer wieder Fahrräder von Autoherstellern. Die Auto-Bikes wurden in den letzten Jahren zwar in der Regel von Fahrrad-Herstellern in Auftrag produziert, und ihr Verkaufserfolg war, feundlich formuliert, bescheiden. Um so erstaunlicher, mit welchen Eifer vor allem so genannte Premium-Marken wie Audi, Mercedes oder Porsche im Laufer der letzten 20 Jahre immer wieder neue Fahrräder präsentiert haben. Ein paar Beispiele gefällig?

Die auffälligsten Bikes der Autohersteller der letzten Jahre

  • Porsche ließ um die Jahrtausendwende von der damaligen High-End-Schmiede Votec hochwertige Mountainbikes bauen
  • Smart übernahm 2011 die Marke Grace und machte mit auffällig designten E-Bikes auf sich aufmerksam
  • Audi versuchte sich 2011 mit dem extravagant designten E-Bike "Wörthersee"
  • VW präsentierte immer wieder teils gewagt designte Fahrräder, immer mit lustigen Namen wie "GTI" oder "Volkswagen"
  • BMW versuchte sich unter anderem mit Klapprädern, die dann gut in den Kofferraum eines BMW passen sollten
  • McLaren präsentierte 2014 zusammen mit Specialized ein Rennrad für schlappe 20000 Euro – und das ohne Motor!

Schon erstaunlich, dass all die Versuche von Autoherstellern, Fahrräder zu verkaufen, in den letzten Jahren nicht wirklich erfolgreich waren. Zumindest wurden nie signifikante Stückzahlen verkauft. Das lag sicher vor allem daran, dass diese Auto-Fahrräder nicht beim guten alten Radhändler, sondern in den Zubehör-Shops der Autohersteller oder (noch schlimmer) bei einem Autohändler angeboten wurden. Denn selbst für nicht reaktionär eingestellte Fahrradfahrer ist ein Autohändler sicher nicht der Ansprechpartner, der einem bei der Suche nach einem neuem Fahrrad als erstes ind en Sinn kommt. Außerdem zeichneten sich diese Autohersteller-Fahrräder erstaunlich oft durch entweder ein gewagtes Design, oder durch, gemessen an der Ausstattung, absurd hohe Preise aus.

Zwei Räder – viele Vorteile, findet Volkswagen

Mittlerweile zeigen die Autohersteller ihre verbotene Liebe zum Fahrrad noch viel deutlicher. Man könnte fast meinen, sie halten das Fahrrad für das überlegene Fortbewegungsmittel. Zumindest lobt die Volkswagen AG hier auf ihrer Homepage das Fahrrad als "...gesundheitsfördernde und umweltbewusste Mobilitätsoption..." und erklärt, wie Fahrradleasing funktioniert. Kein Wunder: Die Volkswagen Financial Services AG ist im Jahr 2021 ins Fahrradleasing-Geschäft eingestiegen. Der Autogigant aus Wolfsburg hat sich über seine firmeneigene Bank an der Bike Mobility Services GmbH und dem Fintech Credi2 GmbH beteiligt. Diese Unternehmen bieten Fahrad-Leasing für Geschäfts- und Privatkunden an. An anderer Stelle gibt VW auf der eigenen Homepage Tipps und Kaufberatung für E-Bikes: "... mit dem Rad zum Einkaufen oder täglich zur Arbeit fahren und so ihre Fitness steigern und die Umwelt schonen ..." heißt es da – und man fragt sich unweigerlich, was da der Umkehrschluss zum Auto wäre?

Porsche kauft sich in die Fahrradbranche ein

Posche kauft sich noch direkter in die Radbranche ein als VW: Im Frühjahr 2022 wurde Fazua gekauft – ein Pionier für kompakte, leichte E-Bike-Antriebe. Außerdem plant Porsche Joint-Ventures mit Ponooc, einer Tochter der Pon Holding, der große Fahrradmarken wie Focus oder Cervelo gehören. Was Porsche da vorhat, erklären die Sportwagenbauer so. "Das erste Joint Venture soll eine künftige Generation von hochwertigen Porsche-eBikes entwickeln, herstellen und vertreiben. Das zweite Unternehmen wird sich auf technologische Lösungen für den schnell wachsenden Markt der Mikromobilität konzentrieren." Den PS-starken Männerträumen allein scheint offensichtlich auch nach Ansicht der Porsche-Manager nicht die Zukunft zu gehören.

Daimler fährt Jobrad

Auch bei Daimler hat man mittlerweile offensichtlich erkannt, dass Fahrräder zumindest im urbanen Raum das Fortbewegungsmittel der Wahl sind. War die letzten Jahrzehnte der größte Stolz jedes Daimler-Mitarbeiters sein zu stark vergünstigten Konditionen erworbener Jahreswagen, so haben sich die Wünsche der Belegschaft zuletzt offensichtlich stark gewandelt. Denn Daimler bietet seinen Mitarbeitern seit Frühjahr 2022 ein Jobrad an. Brisant ist, mit welchen Worten der Daimler-Betriebsrat in seinem gleichnamigen Newsletter das neue Angebot bewirbt: "...wir wissen, dass das ein Fahrrad-Leasingmodell ein großer Wunsch von Euch war ... Kolleginnen und Kollegen, die regelmäßig am Stau vorbeiradeln, tragen zur Verkehrsentlastung bei und somit zum Klimaschutz." Na also, geht doch. Autos stehen im Stau, Fahrräder tragen zum Klimaschutz bei. Danke, lieber Daimler-Betriebsrat.

Die aktuellen Fahrräder der Autohersteller

Derzeit halten sich die Autohersteller mit eigenen Fahrrädern etwas zurück – aber sie rollen das Feld ja jetzt wie oben beschrieben mit ihren Beteiligungen und Jobrädern für ihre Mitarbeiter von hinten auf. Aber um die Motivation der Fahrrad-Entwickler bei den Autoherstellern hoch zu halten: Diese aktuellen Modelle gefallen uns tatsächlich gar nicht mal so schlecht.

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JEEP TLR 7011

Der mittlerweile von Fiat aufgekaufte Spezialist für Gelände-Fahrzeuge hat eine beachtliche Palette verschiedener Fahrräder und E-Bikes im Sortiment. Die Bikes sind allesamt sehr bodenständig gemacht und überzeugen vor allem durch ihre Alltagstauglichkeit und die fairen Preise. So kostet das Trekkingbike TLR 7011 mit 250W-Motor 2299 Euro.

2
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Mercedes-EQ Formel E Team eBike

Daimler-Chef Källenius will verstärkt aufs Premium-Segment setzen. Da müssen natürlich auch die vier E-Bikes was hermachen, die unter dem Namen Mercedes-EQ Formel E angeboten werden. Mit dem schlichten Design und dem in die Lenker-Vorbau-Einheit integrierten Display als echtem Hingucker können sich die Mercedes-Bikes durchaus sehen lassen. Das günstigste Modell, das Formel E Team eBike, ist mit 3825 Euro angemessen kalkuliert.

3
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Peugeot NC01 N7

Seit ein paar Jahren schon lässt Peugeot die alte Tradition wieder aufleben und hat eine ganze Palette verschiedener Fahrräder im Angebot. Hingucker ist natürlich die Legend-Linie mit drei bildschönen Retro-Modellen mit Stahl-Rahmen. Das teuerste der drei Stahl-Räder, das NC01 N7, kostet faire 699 Euro.

4
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Porsche E-Bike Cross

Die Sportwagenschmiede setzt bei seinen beiden E-Bikes natürlich auf High-Tech - und auf schwäbische Technik. So verwenden die Stuttgarter in ihren Bikes Bremsen und Federungen von Magura. Nicht ganz stilecht ist hingegen der Motor von Shimano, wären doch mit Bosch und Mahle gleich zwei hochkarätige Anbieter in der region Stuttgart ansässig. Andererseits wird Porsche in den eigenen Fahrrädern zukünftig wohl auf Fazua setzen, denn Porsche hat den bayrischen E-Motor-Anbieter neulich gekauft. Das aktuelle Carbon-Bike ist mit 7990 Euro zwar kein Schnäppchen, aber für den Namen Porsche wirkt der Preis irgendwie angemessen.

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