„Die Straßen gehören nicht den Autos“

Buch-Tipp: Marco te Brömmelstroet – Movement

Buch-Tipp: Marco te Brömmelstroet „Die Straßen gehören nicht den Autos“

Marco te Brömmelstroet forscht seit Jahren zum Thema Mobilität. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben, wie die Zukunft der öffentlichen Räume aussehen könnte.

Wie können wir unsere Straßen zurückerobern und unser Leben gänzlich verändern? In seinem neuen Buch "Movement: How to take back our streets and transform our lives" stellt der niederländische Forscher Marco te Brömmelstroet genau diese Frage – und trifft damit einen wunden Punkt der modernen Mobilität. Denn viel zu lange, so te Brömmelstroet, habe sich die Verkehrspolitik auf den Autoverkehr und auf falsche Prämissen konzentriert.

Auf 288 Seiten wagen der Professor für Zukünftige Mobilität an der Universität Amsterdam und die Journalistin Thalia Verkade das Experiment, radikal anders zu denken – und die Menschen und nicht die Autos ins Zentrum der öffentlichen Raumplanung zu rücken. "Stellen Sie sich vor, Sie blicken aus Ihrem Fenster, aber anstelle von Reihen geparkter Autos und Fahrspuren sehen Sie einen gemeinschaftlichen Gemüsegarten, einen gemeinsamen Grill, einen Spielplatz für Kinder, Wildblumen, um Insekten anzulocken – genau diese Perspektive will ich mit meinem Buch schaffen", sagt te Brömmelstroet. Wir unterhielten uns mit dem Forscher über sein Buch und sein Anliegen, Mobilität neu zu denken.

Herr te Brömmelstroet, in Ihrem Buch schildern sie, dass unsere Verkehrspolitik über Jahrzehnte fundamental in die falsche Richtung gelaufen ist. Was ist hier passiert?

Wir sind über die Jahrzehnte bequem geworden und den falschen Idealen hinterhergelaufen. Viel zu lange ging es nur darum, die Mobilität für den einzelnen Menschen zu optimieren. Das Ergebnis ist paradox: Heute kommen wir schneller denn je voran. Aber gleichzeitig haben wir gar keine Reisezeit eingespart – das zeigen verschiedene Studien. Stattdessen reisen wir weiter als früher und ärgern uns nach wie vor darüber, dass wir so lange zu unseren Zielen unterwegs sind. Ist das also wirklich eine Verbesserung? Ich glaube nicht.

Wenn das so offensichtlich ist: Wie konnte es dazu kommen?

Ein großes Problem sind sicherlich falsche Prämissen und gleichzeitig eine mangelnde Selbstreflexion. Viel zu lange haben wir alles immer nur vermeintlich größer, weiter, besser gemacht – und dabei den Blick für das Wesentliche verloren. Unsere öffentlichen Räume sind über Jahrzehnte lang genau auf diese scheinbare Optimierung hin geplant worden. Statt auf den Straßen andere Menschen zu treffen, zu reden, zu spielen, uns auszutauschen, bewegen sich dort nun Blechlawinen.

Was muss passieren, damit sich das ändert?

In Deutschland wird oft von einer Verkehrswende gesprochen. Aber das ist nicht die richtige Perspektive. Was es stattdessen braucht, ist eine Gesellschaftswende. Die derzeitigen Verhältnisse auf den Straßen repräsentieren ja im Endeffekt nur die Werte, die von der Gesellschaft vorgelebt werden: Aus der egoistischen Perspektive macht es ja durchaus Sinn, ein Zwei-Tonnen-SUV zu fahren, in dem man sicher ist. Aber ist das wirklich das Beste für die Gesellschaft? Ich bezweifle das. Der öffentliche Raum sollte eben nicht nur für den Verkehr da sein, sondern für alle.

Welche Rolle kann das Fahrrad hier spielen?

Das Fahrrad ist zum einen ein wunderbares Verkehrsmittel und zum anderen auch ein starkes Symbol für eine solche Gesellschaftswende. Denn im Gegensatz zum Auto schränkt es die Freiheit anderer Menschen auf der Straße nicht ein. Das Fahrrad macht es also möglich, die öffentliche Räume wieder wirklich öffentlich werden zu lassen und sich gleichzeitig in diesen Räumen friedlich zu bewegen.

Herr te Brömmelstroet, vielen Dank für das Gespräch.

Das vollständige Interview mit Marco te Brömmelstroet gibt es in der nächsten Ausgabe von karl zu lesen.

Christina Door
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