Studie: Unfallberichterstattung macht Opfer zu Tätern

    Verkehrswissenschaft
    Studie: Unfallberichterstattung macht Opfer zu Tätern

    Ein Forschungsprojekt will die Berichterstattung über Verkehrsunfälle untersuchen. Hypothese: Viele weit verbreitete Formulierungen entschuldigen das Fehlverhalten von Auto- und LKW-Fahrern und lenken die Aufmerksamkeit auf die Unfallopfer.

    People cycling in Copenhagen
    Foto: Getty Images / LeoPatrizi
    KARL: Herr Dr. von Schneidemesser, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Sprache von Unfallberichterstattungen zu untersuchen?

    Dirk von Schneidemesser: Im angelsächsischen und niederländischen Raum gibt es schon mehrere Studien zu dem Thema – im deutschsprachigen hingegen noch nicht. Wir wollen überprüfen, ob die Ergebnisse ausländischer Studien auch bei uns gelten.

    Was sind das für Ergebnisse?

    Die Art und Weise, wie in Polizeiberichten Unfälle dargestellt werden, verleitet dazu, die Schuld eher bei den schwächeren als bei den stärkeren Verkehrsteilnehmern zu suchen. Da die Formulierungen von Polizeiberichten und -pressemitteilungen oft unverändert von den Medien übernommen werden, prägen sie die Wahrnehmung der Allgemeinheit. Die Folge: Statt auf Auto- und LKW-Fahrer, konzentriert sich die öffentliche Debatte unverhältnismäßig stark auf Radfahrer und Fußgänger – die naheliegende Schlussfolgerung ist dann sinngemäß "die sollen halt besser aufpassen", "die sollen weg von der Straße". Um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, haben aber andere Maßnahmen größere Effekte, etwa kleinere Autos, sicherere Kreuzungen oder niedrigere Geschwindigkeiten.

    Norbert Michalke
    Dr. Dirk von Schneidemesser ist Politik- und Sozialwissenschaftler am Research Institute for Sustainability am Helmholz Centre Potsdam (RIFS) und forscht seit längerem zu den Themen Sprachgebrauch, Verkehrspolitik und nachhaltige Mobilität. Um von A nach B zu kommen, nutzt von Schneidemesser bevorzugt das Fahrrad. Die Studie entsteht als Kooperation zwischen RIFS und den Universitäten von Bern und Wien.
    Können Sie Beispiele nennen für irreführende Unfallberichterstattung?

    Wir sprechen von Formulierungen, die wir alle schon in der Zeitung gelesen haben: "Radfahrer von Auto erfasst", "LKW übersah Fußgängerin", "Radfahrerin trug keinen Helm".

    Warum sind solche Formulierungen ein Problem?

    "Radfahrer von Auto erfasst" zum Beispiel legt den Fokus auf das Opfer. Sachlich mag das nicht falsch sein, das wäre "Auto rammt Radfahrer" aber auch nicht. Es gibt Fälle, wo Radfahrer hinterrücks umgefahren wurden, und im Bericht steht "Radfahrer stieß mit Auto zusammen". Wie kann das sein? Und es ist oft die Rede von "das Auto" – ein Gegenstand, kein aktiv handelnder und womöglich Fehler machender Mensch. Auch bei "Radfahrer verletzte sich" bezieht sich die aktive Handlung auf das Unfallopfer – das ihn verletzende Auto und dessen Fahrer werden ausgeklammert.

    Was stört Sie an "LKW übersah Fußgängerin"?

    "Wegen tiefstehender Sonne übersah…", "konnte bei schlechten Sichtverhältnissen nicht mehr ausweichen…", "in dichtem Nebel kam es…" und so weiter, das sind alles Formulierungen, die nachvollziehbar machen, weswegen ein Auto- oder LKW-Fahrer jemanden oder etwas übersehen hat. Liest man so etwas, denkt man wahrscheinlich: tragisch, aber unvermeidbar. Der Akt des Übersehens ist in unserer Straßenverkehrsordnung aber nicht vorgesehen! Wenn die Sichtverhältnisse schlecht sind, muss ich meine Fahrweise anpassen und langsamer fahren, im Zweifel erheblich langsamer. Aber statt genau dies zu schreiben, verschleiern solche Formulierungen Fehlverhalten.

    LeoPatrizi
    Gesund, leise, emissionsfrei, platzsparend: Viele gute Gründe sprechen dafür, bei Mobilitätsfragen verstärkt aufs Fahrrad zu setzen.
    Und warum sollte nicht auf den fehlenden Helm verwiesen werden?

    Weil auch das eine Wahrnehmungsverschiebung mit sich bringt. Die Frage, die im Raum steht, lautet auf einmal "ist der Radfahrer selbst schuld, dass er so schwer verletzt wurde" statt "wieso wurde der Radfahrer überhaupt verletzt". Es kann sinnvoll sein, auf dem Fahrrad einen Helm und reflektierende Kleidung zu tragen. Aber es ist nun mal nicht gesetzlich vorgeschrieben, und Fahrradhelme sollen in erster Linie vor "normalen" Fahrradstürzen schützen – werde ich vom LKW überrollt, hilft mir auch der Helm wenig. Statt einer solchen, einseitig den Fokus verschiebenden Detailinformation wäre also eine weniger lenkende Beschreibung des Unfallhergangs sinnvoller. Übrigens stört mich auch das Wort Unfall.

    Warum?

    Ein Unfall ist unvorhersehbar und unerwünscht, ein plötzlich auftretendes Schockereignis. Da schwingt der Aspekt des schicksalhaften mit, als wären Unfälle quasi Naturphänomene, gegen die man machtlos ist. Im Türkischen gibt es sogar die Redewendung "Das Verkehrsmonstrum hat wieder zugeschlagen", dem ist man natürlich völlig hilflos ausgeliefert. Ich akzeptiere aber nicht, dass wir angeblich keine Handlungsoptionen haben! Natürlich sind Unfälle unerwünscht, aber von unvorhersehbar kann man bei jährlich um die 3000 Verkehrstoten und hunderttausenden Verletzten sicher nicht sprechen. Im Gegenteil, wir selbst beeinflussen das ganz stark und aktiv – durch unsere Verkehrspolitik, durch Infrastruktur, durch Regeln, Kontrollen, Strafen, unser eigenes Verhalten und durch unsere Sprache. Deshalb spreche ich auch von Verkehrsgewalt statt von Unfall. Und Fakt ist leider, dass wir diese Verkehrsgewalt viel zu selbstverständlich hinnehmen.

    Foto: changing-cities.org
    Nicht ungefährlich: Stärkere und schwächere Verkehrsteilnehmer teilen sich einen nur begrenzt zur Verfügung stehenden Verkehrsraum.
    Welche Formulierungen oder Verbesserungen würden Sie noch vorschlagen?

    Eine objektive Beschreibung des Geschehenen. Keine einseitige Fokussierung, keine mitschwingende Schuldzuweisung oder Entschuldigung. Bei allen Beteiligten von aktiv handelnden Personen sprechen, nicht einseitig entmenschlichen. Weitere Hintergrundinformationen und Kontextualisierung liefern, zum Beispiel ob es an besagter Stelle wiederholt zu Unfällen kommt oder wie viele Verkehrstote es in diesem Jahr schon gab. Dann steht nämlich gleich die Frage mit im Raum, ob wir eigentlich bereit sind, das als unveränderbar hinzunehmen oder ob wir nicht lieber Verbesserungen einfordern und mittragen. Journalisten können dafür den Unfallatlas des Statistischen Bundesamts bemühen oder bei Google Street View die örtlichen Begebenheiten checken ohne hinfahren zu müssen. Bei eindeutiger Sachlage auch eindeutige Formulierungen, zum Beispiel "wegen nicht an die Sichtverhältnisse angepasster Fahrweise überfuhr/verletzte/tötete ein Autofahrer…" statt "übersah".

    Was soll Ihre Studie bewirken?

    Zunächst soll sie empirisch überprüfen, ob Erkenntnisse aus dem angelsächsischen und niederländischem tatsächlich auf den deutschsprachigen Raum übertragbar sind. Die Fragestellung lautet: Was für Sprachphänomene gibt es, und was bewirken sie? Bestätigen sich die Befunde, wäre der zweite Schritt, sich mit Polizei und Medien zusammenzusetzen, sofern dort die Bereitschaft dazu vorhanden ist, um sich auszutauschen und im Idealfall zusammen Leitfäden zu erstellen für eine ausgewogenere Unfallberichterstattung. Natürlich wäre es auch erfreulich, wenn die Studie die Öffentlichkeit sensibilisiert, Texte kritischer zu lesen – Sprache schafft schließlich Wirklichkeit. Und dann trägt die Studie hoffentlich dazu bei, dass Politikerinnen und Politiker wichtige Entscheidungen treffen, vielleicht auch gegen Widerstände. Denn unabhängig von der Schuldfrage: Tödliche Verkehrsgewalt ohne Beteiligung von Motorverkehr gibt es nur äußerst selten.

    Westend61
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    Erscheinungsdatum 06.07.2022